Die genossenschaftliche Idee: ein werteorientiertes Geschäftsmodell im Aufwind

11.07.2017
Die öffentliche Kritik der Gesellschaft am Wirtschaftsverständnis der Industrienationen spitzt sich seit der Finanz- und Wirtschaftskrise zu – und hat sich auch beim jüngsten G20-Gipfel in Hamburg manifestiert. Sind marktwirtschaftliche Wirtschaftssysteme langfristig tragfähig, moralisch vertretbar und dienen sie dem Menschen? Antworten auf diese hochaktuelle Frage erforschen derzeit Prof. Dr. Christian Kalhöfer und Viktoria Schäfer, M.Sc., beide von der ADG Business School an der Steinbeis-Hochschule Berlin. Anlässlich des Wissenschaftlichen Symposiums „Raiffeisen 2018: Ökonomische Innovation – Gesellschaftliche Orientierung“ am 30. Juni und 1. Juli 2017 auf Schloss Montabaur, referierten sie zum Thema „Die moralphilosophischen Wurzeln des Genossenschaftsgedankens – Ethik als Ausgangspunkt der Ökonomie“.

So führte Viktoria Schäfer aus, dass Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit und die öffentliche Kritik nur durch Geschäftsmodelle beantwortet werden können, die schon heute ein werteorientiertes Wirtschaftsverständnis in der Praxis umsetzen. Genossenschaftlich geführte Banken, Unternehmen und Organisationen seien auf Basis ihrer genossenschaftlichen Prinzipien der Hilfe zur Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung in der Lage, genau das Rückgrat der Wirtschaft sicherzustellen, das Adam Smith in seiner Theorie der moralischen Gefühle gefordert habe, so Viktoria Schäfer.

Die aktuellen Forschungen an der ADG Business School auf Schloss Montabaur zum klassischen Wirtschaftsverständnis, zu Denkschulen und alternativen Ansätzen führen in diesem Zusammenhang zu einem sehr interessanten Ergebnis: Lange galt landläufig die Auffassung, dass Adam Smith als Begründer der modernen Ökonomie strikt eigeninteressiertes Verhalten unterstellt hat und damit – überspitzt formuliert – der Auslöser der bekannten Fehlentwicklungen ist, die viele heute beklagen. Bei näherer Betrachtung muss man jedoch feststellen, so Schäfer, dass er in erster Linie Moralphilosoph war. Und noch dazu ein Vertreter der Tugendethik, die die Theorie par excellence ist, um Werteorientierung abzubilden.

Ein Anwendungsbeispiel für tugendethische Prinzipien im Wirtschaften ist die Überprüfung des so genannten „Primat der Rentabilität“ nach Schierenbeck auf seine Vereinbarung mit diesen Werten. Kalhöfer und Schäfer zeigten auf, dass eine angemessene Gewinnerzielung mit tugendethischen Grundannahmen nach Aristoteles kompatibel ist, exzessive Gewinne aber nicht.

Wie robust und werteorientiert das genossenschaftliche Modell ist, hat sich beispielsweise in der Finanzkrise gezeigt. Genossenschaftsbanken wurden in diesem Zusammenhang immer wieder als positive Ausnahmeerscheinung gelobt. Keine Genossenschaftsbank musste mit öffentlichen Geldern gestützt werden.

Es verwundert daher nicht, dass genossenschaftliche Geschäftsmodelle zunehmend mehr Aufmerksamkeit erhalten und die Zahl genossenschaftlicher Neugründungen seit Jahren kontinuierlich zunimmt. Hat doch Friedrich Wilhelm Raiffeisen bereits vor 160 Jahren eine nachhaltige, sinnstiftende Idee und vermutlich die erste wirtschaftsethische Marke überhaupt geschaffen.

Für weitergehende Fragen stehen Ihnen gerne zur Verfügung:

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Prof. Dr. Christian Kalhöfer
Akademischer Leiter Masterstudiengänge

Tel.: (02602) 14- 322
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Viktoria Schäfer
M. Sc.
Doktorandin

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